Er ist ungefähr 1,95 Meter groß, 110 kg schwer und hat eine Glatze. Er zieht gerne Jeans an, die aus allen Nähten platzen. Hat er einen guten Tag, singt oder pfeift er die ersten Strophen vom Horst Wessel Lied. Begegne ich ihm zufällig, was leider nicht immer zu vermeiden ist, zischt er “Schwuchtel” hinter mir her.
Hat er jedoch einen schlechten Tag, brüllt er “Schwule Sau” und stemmt die Hände in die Hüfte, so als müsste er nachdenken, was er jetzt am besten mit mir machen könnte. Dann fällt ihm regelmäßig nichts mehr ein, und wenn man es genau nimmt, kann man bei ihm auch mit viel Wohlwollen nicht von Hüften reden, denn das wäre eindeutig geschmeichelt.
Vor einiger Zeit habe ich dann an einem extrem schlimmen Wut Tag dem Nachbarn klar gemacht, was es bedeutet neben einem offen schwul lebenden Bürger zu leben. Und das ging so:
Ich packe meine Lieblingsgurke aus und bin mit ihr einige Minuten lang am Fenster auf und ab paradiert. Meine Lieblingsgurke sieht ungefähr so aus:![]()
Da der Nachbar zu den Leuten gehört, die sich gerne als Spanner betätigen, muss ich keine 5 Minuten mit meiner Lieblingsgurke am Fenster auf und ablaufen, da höre ich ihn schreien:
“Erna, die schwule Sau macht Sauereien, hol den Foto, aber dalli”
Mit rotem Gesicht und einem kleinen Speichelfaden im Mundwinkel sitzt er dann am Fenster und wartet auf die günstigste Gelegenheit zu fotografieren.
Eine Woche später hat er wieder einen Wut Tag. Am Abend wiederhole ich dieselbe Vorgehensweise – nur dieses mal ist leider keine Gurke zur Hand, so dass ich improvisieren muss und kurzerhand meinen Schirm benutze, auf den ich einen Klecks Nivea Creme auftrage.
Der 110 Kilo Rüpel beginnt sofort herumzubrüllen: “Erna, hol den Foto, der Schwule macht wieder Perversitäten!”
Einige Zeit später hat er dann einen besonders schlimmen Tag. Wenn er sich besonders aufregt, was leicht passiert nach 5 Flaschen Bier und ein paar unglücklich zustande gekommenen Schleifspuren in der hellen Trainingshose, dann reichen Worte wie “Schwule Sau” nicht mehr aus.
An diesem Abend paradiere ich mit meinem Big Johnny am Fenster auf und ab. Ich weiß nicht was für ihn schlimmer ist, mein Selbstbewusstsein mit dem ich am Fenster auf und ab gehe oder dass Big Johnny die Farbe lila hat, was endgültig zu viel ist für den homophoben Nachbarn.
Er will noch seine Frau rufen, aber an der Stelle versagt seine Stimme. Der Satz “Erna hol den Foto, aber dalli” kommt ihm nicht mehr über die Lippen. Sein Gesicht ist jetzt dunkelrot, die sehr beachtliche Brust, sehr rund und weiblich von 5 Flaschen Bier täglich, senkt sich so schnell, dass der Fachmann von Press und Stoßatmung sprechen würde. Ein letztes Aufbäumen und dann sehe ich ihn wie er in Panik aus dem Garten ins Haus zurückrennt, mit einem lauten Knall die Haustüre hinter sich zuschlägt und alle Rollos auf einmal herunterlässt.
Seit einigen Monaten wohnt der Rechtsradikale nicht mehr in der Nachbarschaft. Es vermisst ihn niemand, nur ab und zu schaut er noch vorbei, meist im Schutz der Dunkelheit, oder am Wochenende. Wie diese Geschichte wohl weitergeht?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen