Ehe für alle, aber bitte nicht in der schwäbischen Provinz

Diese Woche war es so weit, Schwule und Lesben stürmten die Standesämter um zu heiraten und nicht mehr mit einer Mini Version, gerne auch Lebenspartnerschaft genannt, abgespeist zu werden.
So weit so gut.
Die formale Gleichstellung von homosexuellen Bürgern mit ihren heterosexuellen Mitbürgern wurde also am 1.10.2017 erreicht.
Und wie geht es nun  weiter? Zum Beispiel in meiner schwäbischen Heimatstadt Schorndorf?
Bei der Abstimmung über die "Ehe für alle" stimmten 38 CDU Bundestagsabgeordnete aus Baden Württemberg dagegen und nur vier dafür.


Der Abgeordnete meines Wahlkreises, Jochen Pfeiffer CDU, stimmte natürlich dagegen.
Der Vorsitzende der CDU Fraktion im Schorndorfer Stadtrat, Hermann Beutel, Mitglied einer fundamentalistischen evangelikalen Splittergruppe sagte "nur die heterosexuelle Ehe ist reproduktionsfähig. Andere Lebensformen können das nicht."

Hermann Beutel evangelikal Fundamentalist

Als Beutel 2014 die Petition gegen den grün-roten Bildungsplan unterschrieb, tat er dies, um zu verhindern, dass einer  "Minderheit zuviel Platz eingeräumt wird". 
Das Wort Reproduktionsfähigkeit wurde im übrigen zum letzten mal in der Nazi Zeit benutzt. Warum ausgerechnet jetzt wieder?
Und mit "andere Lebensformen" wollte Beutel wohl homosexuelle Paare bezeichnen die kinderlos sind, aber keinesfalls heterosexuelle Paare die auch kinderlos sind.
Erschreckend war, dass niemand im Schorndorfer Stadtrat gegen die Ausführungen von Herrn Beutel  protestierte.
Vielleicht ist es ja Feigheit vor den evangelikalen Fundamentalisten oder es ist politische Überangepaßtheit? Der Fortschritt scheint in meiner schwäbischen Heimatstadt nicht richtig angekommen zu sein.
Die Wunden, die dieses Verhalten gerissen hat, sitzen tief, zumal alle diese Herrschaften Überzeugungstäter sind. Das Abendland drohte ja unterzugehen bei der Entscheidung ob es eine "Ehe für alle" geben darf oder nicht.
Wetten dass das Abendland nicht untergeht? Auch wenn Herr Beutel jetzt einen roten Kopf bekommt und gerne einen Bibelvers zitieren würde. 
Wetten dass wir alle in zwanzig oder dreißig Jahren auf die Abgeordneten, die gegen die Ehe für alle gestimmt haben mit derselben Verachtung herabschauen so wie man heute auf die Gegner der Abschaffung der Sklaverei oder auf die Gegner der Einführung des Frauenstimmrechts herabschaut.
Und die Gegner damals begründeten ihr schändliches Verhalten ebenfalls mit der Bibel. 
Wussten sie das nicht, Herr Beutel?
Und was werden sie in zwanzig Jahren sagen,  Herr Pfeiffer? 
Vielleicht: "Ein kleiner Fehler, wie ich abgestimmt habe, mehr nicht."


Kommentare

  1. Sehr interessanter Artikel von Dir - Gratulation!

    Ehrlich gesagt finde ich die ganze Abstimmerei über das Thema "Dürfen die das jetzt, oder doch nicht?" sehr diskriminierend.

    Wenn ich über dieses Ehe-Voting lese, fühle ich mich als Mitglied der Randgruppe schwule Männer wie ein unerfahrenes, verängstigtes Kind, daß eine erwachsene, und vermeintlich kluge Person vor der Ausführung einer Handlung um Erlaubnis dazu bittet. Wenn man die von Dir angesprochenen Politiker, die zur schwulen Welt in der Regel so viel Kontakt haben, wie ein Blinder zu einem Farbfernseher, ernsthaft fragt, ob schwule, und lesbische Menschen heiraten dürfen, ist das in etwa so, als ob ich einen katholischen Pfarrer zu sexuellen Eheproblemen befrage. Will damit sagen: Diese Leute wissen nicht, über was sie da Abstimmen. Trotzdem dürfen die das, und das ödet mich ganz gewaltig an.

    Das Argument "...das steht aber so in der Bibel, daß das Pfui ist...", bestätigt meine o. g. Meinung, über diese Leute, die so in ihrem kleinbürgerlichen Mief verankert sind, daß jede auch noch so kleine Abweichung von der sog. "Norm" nicht geduldet wird. Zu groß ist die Angst vor Veränderung, und davor, daß ihr selbst geschaffenes, oder anerzogenes Weltbild Risse bekommt.

    Das in 20 - 30 Jahren homophobe Menschen verachtet werden, halte ich für ein wenig naiv. Wenn ich mir anschaue, wie rechte Parteien in jedem Land an Bedeutung gewinnen, denke ich eher, daß die meisten Menschen nicht aus der Vergangenheit lernen, und sich lieber bequem einer Mainstream-Meinung anschließen, als sich selbst mit einem Thema auseinander zu setzen.
    Auf der anderen Seite hat sich zum Glück, zumindest hier in Deutschland, bei dem Thema Akzeptanz viel getan, was mich sehr glücklich macht. Zumindest gibt es eine öffentliche Diskussion zu den Themen Homosexualität, und "Ehe für Alle", was bestimmt vor 30 Jahren total undenkbar gewesen wäre.
    Lassen wir uns also mal überraschen, wie sich die Sache entwickelt. Ich hoffe das Beste...


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  2. Freut mich, dass Dir der Artikel gefallen hat. Ich glaube dass es vielen so wie Dir ergangen ist mit der Abstimmung über die Ehe für alle. Die Begleitung in der Presse war zwar kritisch, es hat aber niemand auch nur einen Gedanken daran verschwendet wie diese Diskussion auf Schwule und Lesben wirken musste.
    Das kann man nicht oft genug bemängeln so wie Du es getan hast, absolut vorbildlich. Danke.

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