Wenn der Postmann überhaupt nicht klingelt


Treue Leser wissen, dass ich gelegentlich berichte welche Päckchen, Pakete und Briefe mir in letzter Zeit gestohlen wurden.
Zumeist sind es DVDs und Bücher, deren Wert so gering ist, dass ich mich frage wer sich wegen ein paar Euro strafbar macht...
Das ganze erinnert mich an jene Pietisten und Evangelikale, mit denen ich früher zu tun hatte, und deren Augen immer dann zu leuchten begannen wenn jemand etwas Schmutziges über Schwule erzählte. Vielleicht kommt der Übeltäter der meine Post klaut aus dieser Richtung. Vermuten darf man doch oder nicht?
Schauen wir uns also das Corpus Delicti an, eine DVD mit einem Film aus dem Jahr 1975.




                                                Faustrecht der Freiheit

Hier spielt Rainer Werner Fassbinder einen jungen Mann, der einmal im Leben Glück hat und eine halbe Million im Lotto gewinnt. Jetzt glaubt er, dass ihm alles gelingt, das Leben, die Liebe, einfach alles. Statt dessen wird er ausgenutzt, finanziell und menschlich. Liebe und Geld vertragen sich nicht, das alte Thema, und die ökonomischen Verhältnisse werden immer dann ernst und schwierig wenn man es am wenigsten erwartet.
Ein Durchschnittsmensch also ist der Held dieses Films. Er wird bestraft, scheitert und stirbt. Ein Melodram und Fassbinder erkennt sich in diesem Held wieder.
Es könnte aber auch ganz anders sein. Vom Ausgebeuteten zum Ausbeuter ist es nur ein kleiner Schritt und irgendjemand wird diesen Schritt gehen, später einmal.
Aber das ist ein anderer Film.

500 Jahre Reformation. Was nun?

Was vor 500 Jahren geschehen ist, war sicherlich bemerkenswert. Was aber in den 500 Jahren danach geschah, ist unendlich bedeutender als alles was Luther jemals gedacht, geschrieben oder gesagt hat.
Martin Luther hat uns nicht den Weg vom Absolutismus zur Demokratie gewiesen, er hat uns nicht den Weg vom Aberglauben zur Wissenschaft gezeigt und keinesfalls die Entwicklung hin zur Ökumene, die das Trennende zwischen den Kirchen überwindet, angestoßen.
Wir wissen heute, dass der Kosmos nicht still steht, Evolution kein abgeschlossener Prozess ist und wir wissen, dass jeder von uns in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft lebt, die mit christlichen Werten absolut nichts gemeinsam hat.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die evangelische Kirche

Meine Heimatstadt Schorndorf war in Zeiten der NS Diktatur ein Ort an dem es zahlreiche Mitglieder der Deutsche Christen, also der Nazi Fraktion innerhalb der evangelischen Kirche, gab. Hier wie an allen anderen Orten Deutschlands legten Pfarrer, die Mitglieder der Deutschen Christen waren, Hitlers "Mein Kampf" zur Bibel hin auf den Altar ihrer Kirche.
Das besondere am evangelischen Kirchenbezirk Schorndorf sind jedoch die zwei Aussenstellen des Nazi-Konzentrationslagersystems, Rudersberg und Welzheim, wo politische Gegner der Nationalsozialisten gefangen gehalten, gequält und erschossen wurden.

KZ Durchgangslager Welzheim

Bestürzend ist, dass noch kein evangelischer Dekan von Schorndorf es bis zum heutigen Tag vermocht hat durch eine Busspredigt oder eine namentliche Erwähnung der Opfer oder eine  Bitte um Vergebung, die Opfer auf richtige Art und Weise zu würdigen.
Niemand behauptet, dass der Dekan der evangelischen Kirche direkt verantwortlich war für das was in Rudersberg und Welzheim geschah. Klar ist aber auch, dass die Mehrheit der Wachmannschaften, der politischen Polizei (Gestapo) und aller anderen Beteiligten evangelischen Glaubens waren.
Noch einmal zur Erinnerung: Wieviele Schritte sind es von der evangelischen Kirche in Welzheim zum sogenannten Schutzhaftlager gewesen, dreihundert Schritte? vierhundert Schritte? Vielleicht sogar fünfhundert?
Konnte man an Sonntagen die Schreie der Gefangenen in der Kirche hören oder spielte in einem solchen Fall die Orgel ein kurzes "Gott wir loben dich"?
Vielleicht wurde dem SS Mitglied und Lagerkommandanten auch diskret vermittelt, er möge an Sonntagen zwischen zehn und zwölf Uhr niemanden quälen oder erschiessen, aus Rücksicht auf den evangelischen Gottesdienst in der Nähe?

Hetze gegen Homosexuelle nach 1945

Dieselben Dekane, die nie am Ort des Geschehens ein kluges Wort zu den Nazi-Lagern sagten, waren immer gerne bereit abwertend über Homosexuelle zu reden, ganz besonders gilt dies für Dekan Rolf Scheffbuch und Dekan Volker Teich.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird also heute noch, 500 Jahre nach Luther, von evangelischen Geistlichen gepredigt.
Half Luthers Judenfeindlichkeit den Nazis bei ihrem schrecklichen Tun, so sind es heute  Homosexuelle, Transsexuelle und andere Menschen, die nicht ein Leben "entsprechend dem biblischen Menschenbild" führen, die offen diskriminiert werden.
Die Konsequenzen sind heutzutage  nicht mehr tödlich, die Bereitschaft von evangelischen Christen andere Menschen zu verurteilen, bleibt dieselbe.
Der dunkle Schatten, der über Martin Luthers Reformation liegt, hat sich noch immer nicht verzogen.
500 Jahre reichen dafür nicht aus.

Ehe für alle, aber bitte nicht in der schwäbischen Provinz

Diese Woche war es so weit, Schwule und Lesben stürmten die Standesämter um zu heiraten und nicht mehr mit einer Mini Version, gerne auch Lebenspartnerschaft genannt, abgespeist zu werden.
So weit so gut.
Die formale Gleichstellung von homosexuellen Bürgern mit ihren heterosexuellen Mitbürgern wurde also am 1.10.2017 erreicht.
Und wie geht es nun  weiter? Zum Beispiel in meiner schwäbischen Heimatstadt Schorndorf?
Bei der Abstimmung über die "Ehe für alle" stimmten 38 CDU Bundestagsabgeordnete aus Baden Württemberg dagegen und nur vier dafür.


Der Abgeordnete meines Wahlkreises, Jochen Pfeiffer CDU, stimmte natürlich dagegen.
Der Vorsitzende der CDU Fraktion im Schorndorfer Stadtrat, Hermann Beutel, Mitglied einer fundamentalistischen evangelikalen Splittergruppe sagte "nur die heterosexuelle Ehe ist reproduktionsfähig. Andere Lebensformen können das nicht."

Hermann Beutel evangelikal Fundamentalist

Als Beutel 2014 die Petition gegen den grün-roten Bildungsplan unterschrieb, tat er dies, um zu verhindern, dass einer  "Minderheit zuviel Platz eingeräumt wird". 
Das Wort Reproduktionsfähigkeit wurde im übrigen zum letzten mal in der Nazi Zeit benutzt. Warum ausgerechnet jetzt wieder?
Und mit "andere Lebensformen" wollte Beutel wohl homosexuelle Paare bezeichnen die kinderlos sind, aber keinesfalls heterosexuelle Paare die auch kinderlos sind.
Erschreckend war, dass niemand im Schorndorfer Stadtrat gegen die Ausführungen von Herrn Beutel  protestierte.
Vielleicht ist es ja Feigheit vor den evangelikalen Fundamentalisten oder es ist politische Überangepaßtheit? Der Fortschritt scheint in meiner schwäbischen Heimatstadt nicht richtig angekommen zu sein.
Die Wunden, die dieses Verhalten gerissen hat, sitzen tief, zumal alle diese Herrschaften Überzeugungstäter sind. Das Abendland drohte ja unterzugehen bei der Entscheidung ob es eine "Ehe für alle" geben darf oder nicht.
Wetten dass das Abendland nicht untergeht? Auch wenn Herr Beutel jetzt einen roten Kopf bekommt und gerne einen Bibelvers zitieren würde. 
Wetten dass wir alle in zwanzig oder dreißig Jahren auf die Abgeordneten, die gegen die Ehe für alle gestimmt haben mit derselben Verachtung herabschauen so wie man heute auf die Gegner der Abschaffung der Sklaverei oder auf die Gegner der Einführung des Frauenstimmrechts herabschaut.
Und die Gegner damals begründeten ihr schändliches Verhalten ebenfalls mit der Bibel. 
Wussten sie das nicht, Herr Beutel?
Und was werden sie in zwanzig Jahren sagen,  Herr Pfeiffer? 
Vielleicht: "Ein kleiner Fehler, wie ich abgestimmt habe, mehr nicht."


Arnold Schwarzenegger, Vergangenheit und Zukunft

 Lieber Arnold, Arnold Schwarzenegger                                                                               nett siehst Du aus mit D...